Chat 2066
2. März 2066 – Beginn 00:27 Uhr
Tove Marc
Archivmodus – Persönliche Kommunikation Mycon, 2. März 2066
Mit wem lebst du eigentlich? 00:27
Mit einer alten Frau aus Accra, zwei jungen Typen aus Warschau, einem Paar, das sich gerade erst gefunden hat. Und einem Menschen, der auf unsere Hilfe angewiesen ist: Seinen Körper hat derart gelitten, dass er im Alltag Unterstützung benötigt. Wir teilen Küche und Werkstatt. Es ist laut. Manchmal anstrengend. 00:29
Und Konflikte? 00:30
Jeden Tag. Über Lärm, über Nähe, über Entscheidungen. Aber niemand wird ausgeschlossen. Auch die Freaks nicht, wie ihr sie nennt. Hier sind sie einfach… Leute. 00:31
Warum funktioniert das bei euch? 00:32
Vielleicht, weil niemand glaubt, dass es perfekt werden muss. Wir haben aufgehört, uns zu optimieren. Keine Mentabolin-Rationen, keine Stimmungsregler. Aber wir leben mit der Gewissheit: Wenn jemand abstürzt, ist er nicht allein. 00:34
Du wirkst so abgeklärt. Als sei es das Selbstverständlichste in der Welt. 00:35
Das täuscht. Es ist anstrengend, oft enorm nervenaufreibend … Heute bin ich richtig erschöpft. 00:36
Wovon? 00:37
Vom Verhandeln … Heute hatten wir eine Vollversammlung. Lewandowska, eine unserer Forscherinnen, wollte einen der großen Wärmespeicher für sich reservieren, um die Pilzkulturen bei der Medikamentenproduktion auszubauen. Sie argumentierte, ihre Arbeit sei „systemrelevant“, ohne vier zusätzliche Celsiusgrade würde sie bis im Frühjahr warten müssen. 00:41
Und? 00:42
Sie hatte gute Gründe. Das macht es so anstrengend. 00:43
Wo lag dann das Problem? 00:44
Weil ihr Anspruch bedeutet hätte, dass andere frieren. Zusätzlicher Ressourcenverbrauch auf Kosten anderer ist ein no go, so gewichtig die Argumente auch sind. Die Medikamente können wir einteilen, den Kälteeinbruch nicht. 00:46
Wie wollt ihr wissen, dass nicht plötzlich eine epidemische Krankheit ausbricht und doch die Medikamente fehlen? Vielleicht war ihr Ansinnen ein Akt der Vorsorge. 00:48
Bitte Marc … Ich mag die Diskussion nicht auch noch mit dir führen. Es wäre fahrlässig, die Augen vor möglichen Risiken zu verschließen, aber nicht jede Eventualität lässt sich vermeiden. Leben bedeutet abwägen und einteilen. Wenn wir für eine bestimmte Sache mehr wollen, fehlt es andernorts. Wir denken in Beziehungen, nicht in punktuellen Optimierungen, das ist nicht immer einfach. 00:51
Das klingt… mühsam. Ein echt anstrengendes Regelwerk, dem man wohl nie gerecht werden kann. 00:52
Es ist mühsam, sicher. Wir sind einigen grundlegenden Prinzipien verpflichtet, haben aber gerade kein Regelwerk, das alles bis ins Detail klärt. Wir führen Gespräche, verhandeln die Dinge immer wieder neu. Das ist anstrengend, klar doch. Man muss zuhören. Aushalten. Die eigene Meinung überprüfen. Das vernünftigere Argument finden. Einsichten ermöglichen. Wiederholen. 00:56
Und wenn jemand nicht nachgibt? 00:57
Dann suchen wir weiter. Oder wir leben mit dem Konflikt. Mycon ist kein Ort ohne Macht – nur einer, in dem sie ständig begründet werden muss. Jeden Tag neu. 00:59
Ich frage mich, ob so ein Ort Bestand haben kann. 01:00
Ich hoffe es … sicher bin ich mir nicht. Ich weiß nur, dass er jetzt existiert. Und wir lernen, Widersprüche auszuhalten. Transformation nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Arbeit. 01:02
01:03
Bist du noch da? 01:04
Ich überlege. Und merke, wie weit weg das alles ist. Wie unwirklich. 01:05
Weit weg vielleicht - einige tausend Kilometer vom Ende der Welt? Aber unwirklich ist es nicht: Ich lebe hier. 01:06