Chat 2068
17. Oktober 2068 – Beginn 00:55 Uhr
Tove Marc
Archivmodus – Persönliche Kommunikation 17. Oktober 2068
Du hast neulich etwas von organischen Rechnern geschrieben. Ich habe es nicht verstanden. Pilze? 00:55
Ja. Pilze. 00:56
Also die kleinen braunen Hüte im Wald? 00:56
;-) Nicht ganz. Das Entscheidende ist nicht der Fruchtkörper, sondern das Myzel darunter. Ein Geflecht aus Fäden, das sich verzweigt, verbindet, neu organisiert. Es ist ein Netzwerk. 00:58
Und das rechnet? 00:59
Nicht im Sinne von Null und Eins. Es reagiert auf Reize. Feuchtigkeit, elektrische Impulse, chemische Signale. Wenn man bestimmte Muster anlegt, verändert sich das Wachstum. Verbindungen werden stärker oder schwächer. 01:01
Das klingt eher nach Biologie als nach Informatik. 01:02
Es ist beides. Rechnen heißt im Kern: Unterschiede erkennen und Wege optimieren. Das kann Silizium. Und das kann Myzel. 01:03
Wie speichert ihr Daten? 01:04
Indem wir Zustände stabilisieren. Bestimmte Wachstumsbahnen werden gefördert, andere gehemmt. Das Netzwerk „merkt“ sich Muster in seiner Struktur. Mehr als Form denn als Datei, als Klüngel von Pfaden zwischen Knoten. 01:06
Und wenn ein Teil abstirbt? 01:07
Dann wächst er nach. Das System ist redundant. Es kopiert sich nicht exakt, sondern verteilt Information über viele Zonen. Wenn ein Bereich verloren geht, bleibt das Muster erhalten. 01:08
Das klingt langsam. 01:09
Ist es auch. Unsere Systeme antworten nicht in Nanosekunden. Aber man kann damit arbeiten und sie sind fehlertolerant. Ganz ohne seltene Erden und Kernkraftwerke. Weißt du, manchmal denke ich, die Beschleunigung in der Moderne hat dazu geführt, dass die ganze Wirklichkeit im Moment implodiert ist. Unsere Technologie lehrt uns Geduld – wir kriegen nicht alles sofort, wir müssen oft auf Ergebnisse warten, vom Sähen bis zum Ernten. 01:12
Meinst du? Hört sich für mich diffus an ... Wo stehen diese Rechner? 01:13
Wir haben überall Konsolen, die mit dem Speicherwerk verbunden sind. Das züchten wir in einem stillgelegten Metroschacht in der Peripherie der nahen Stadt, der nicht mehr genutzt wird. Dort ist es kühl und dunkel. Perfekt für konstantes Wachstum. 01:15
Und die Monitore - wie muss ich mir die vorstellen? 01:16
Leuchtende, holografische Substanzen. Bestimmte Pilzarten fluoreszieren, wenn man sie stimuliert. In den transparenten Fruchtkörpern entstehen Projektionen. Keine flachen Displays, eher wie atmende Bilder. 01:18
Hmm ... Wie kommuniziert ihr mit dem System? 01:19
Taktil, über den Hyphen-Pool. Es ist ein gelatineartiger, glibberiger Pilz, in den wir unsere Hände eintauchen. Er reagiert adaptiv auf minimale Muskelaktivität, Mikrospannung, und er baut eine Verbindung zum Mykobiom in unserem Körper auf. Du weißt, dass wir von Pilzen durchwachsen sind? 01:22
Fuck … Du veräppelst mich. Das klingt wie ein Schauermärchen, ziemlich gruselig. 01:23
Gruselig? Vielleicht, weil du gelernt hast, Technik müsse kalt und von uns losgelöst sein. 01:24
Und das funktioniert zuverlässig? 01:25
Nicht für alles. Wir simulieren keine interplanetaren Raumflüge. Aber wir organisieren Wasser, Energie, unser Gemeinwesen. Und wir speichern Wissen. 01:27
Wissen in einem lebenden Organismus … 01:28
Ja. Das zwingt uns, umsichtig und hegend zu sein. Wir sind Gärtner. 01:29