Archivmodus
Titelbild
4. April 2069: Polarlichter sind für zwei Stunden über der Skyline von New York sichtbar.
Leitartikel

Corona-Flare X45

Ein Jahrhundert nach Apollo 11 ist vom Pathos des Fortschritts wenig geblieben. Heute hat eine Serie solarer Eruptionen unsere Zukunftseuphorie pulverisiert. Mit Corona-Flare X45 ist nicht nur unsere Infrastruktur zusammengebrochen, sondern auch die Illusion permanenter Verfügbarkeit von Waren, Wissen und Kontrolle.

Von Vlad Teryoshin, Chefredakror Global Data Herald  · 13.09.2069

Diesen Beitrag anhören

Hundert Jahre vor dem Erscheinen unserer Sonderausgabe sassen 600 Millionen Menschen vor dem TV und verfolgten die Mondlandung von Apollo 11, wie Neil Armstrong seinen Fuß in den Mondstaub setzte und den Satz sprach: Ein kleiner Schritt für mich, ein grosser Sprung für die Menschheit. Das Diktum verankerte sich im kollektiven Gedächtnis und wurde zum Mantra des Fortschritts für eine Menschheit, die mit ihrer Technologie alle Hürden überwindet.

Heute sind die großen Sprünge vorbei. Wir liegen am Boden, rappeln uns unsicher hoch und wissen nicht, in welche Richtung ein nächster, kleiner Schritt führen soll. Vermutlich hätten wir uns besser Buzz Aldrins Einschätzung des Ereignisses gemerkt: Armstrongs Kollege sprach von „Magnificent desolation“, einer großartigen Trostlosigkeit, als er den Mond betrat. Vor einigen Monaten wurde die Erde von einer Serie außergewöhnlich starker Sonneneruptionen getroffen, die unter der Sammelbezeichnung Corona-Flare X45 zusammengefasst werden. Es ist, als sei in diesen Tagen der Schalter der Moderne umgelegt worden.

Alles hat sich verändert. Auch die Art, wie wir über die Ereignisse informieren können. Liveberichte sind nicht mehr möglich. Es gibt kaum gesicherte Daten, um das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen. Wir sind auf Momentaufnahmen und Augenzeugen angewiesen, auf Schilderungen, die uns Wochen nach den Vorfällen erreichen. Ereignisse und Berichterstattung klaffen zeitlich stark auseinander, wir treten in ein asynchrones und fragmentiertes Zeitalter ein.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit dieser Sonderausgabe eine Chronologie der Ereignisse zusammenzustellen, soweit sie uns bekannt sind. Es ist ungewiss, ob wir weitere Ausgaben produzieren können – unsere Mitarbeitenden kämpfen ums tägliche Überleben, die Vorräte von Papier und Druckerschwärze gehen zur Neige.

Was auch kommen mag, geschätzte Leser und Leserinnen: Wir bleiben dran.
Geben wir alle unser Bestes!

Paris
Dem Fototrafen Bastian Beck (DPA) gelang mit seiner analogen Hasselblad eines der wenigen Bilder der Polarlichter über Paris, in der Nacht auf den 7. April 2069.



Hinweis: Digitalisat Sonderausgabe Global Data Hearald 13-09-2069