Mein Bruder wurde des Mundraubes von einigen Kartoffeln überführt und zu Tode geprügelt. Ich habe meine Frau verloren, meine beiden Kinder: Wir waren auf der Flucht aus der Stadt, als uns das Chaos trennte. Ich weiß nicht, ob sie noch am Leben sind. Es gibt nur das Ausbleiben von Nachrichten, verzweifelte Suchaktionen, vergebliche Hoffnung. Damit stehe ich nicht allein. Fast jeder, der diese Zeilen liest, trägt einen ähnlichen Verlust mit sich. Wir sind traumatisiert und gefangen in dem unermesslichen Leid, das X45 über uns brachte.
Uns alle treibt die Frage um, wie viele Opfer das Ereignis gefordert hat. Tausende? Millionen? Milliarden?
Wir haben den politischen Kontrollverlust erlebt, den Zusammenbruch der Versorgungssysteme, den gesellschaftlichen Zerfall. Doch das globale Ausmaß der Katastrophe entzieht sich unserer Kenntnis. Es gibt keine funktionierenden Netze mehr, keine Korrespondenten, keine vollständigen Register.
Was uns bleibt, sind Rückkehrer. Augenzeugen. Menschen, die aus Metropolen entkommen sind und berichten, was sie gesehen haben. Ihre Geschichten ersetzen keine Statistik, aber sie geben dem Unfassbaren Konturen.
Die Metropole als Risiko
Ein Ingenieur, der Jakarta im Frühsommer verlassen konnte, beschreibt eine Stadt, die binnen weniger Tage kollabierte. Nach dem Stromausfall seien Pumpen ausgefallen, die Wasserversorgung brach zusammen, Hochhäuser wurden unbewohnbar. Verkehr und Aufzüge standen still, Notstromaggregate versagten. Menschen seien in den oberen Stockwerken eingeschlossen gewesen, andere hätten versucht, die Stadt zu Fuß zu verlassen.
Aus Kinshasa berichtet eine Frau, die mit einer Hilfskolonne Richtung Osten unterwegs war. Sie spricht von plötzlicher Stille nach dem Ausfall von allen Motoren und dem Mobilfunknetze, von Gerüchten, die sich schneller verbreiteten als Fakten. Lebensmittelmärkte seien innerhalb von Stunden leer gewesen. Bewaffnete Gruppen hätten Kontrollpunkte errichtet. „Die Stadt war nie gebaut worden, um stillzustehen“, sagt sie. „Als sie stillstand, wurde sie tödlich.“
Die pharmakologische Stadt: New York
Ein dritter Bericht stammt aus New York. Der Absender ist ein ehemaliger Sanitäter aus Queens, der sich mit einer kleinen Gruppe über den Hudson nach Norden durchgeschlagen hat. Er beschreibt die Auswirkungen der Versorgungskrise im medizinischen Sektor. Als die Lieferketten von Mentabolin und Altruon abrissen, seien die Apotheken zunächst geschlossen worden, dann geplündert. Kliniken rationierten die letzten Bestände, bewachten sie mit privatem Sicherheitspersonal. Innerhalb weniger Tage befand sich ein großer Teil der Bevölkerung im unfreiwilligen Entzug. Schlaflosigkeit, Aggression, Desorientierung, panische Episoden. Der Sanitäter spricht von einem „kollektiven Nervenzusammenbruch“.
Bald zogen Gruppen durch die Stadt, auf der Suche nach Restbeständen. Wer Mentabolin oder Altruon besaß, wurde zur Zielscheibe. In manchen Vierteln entwickelten sich regelrechte Jagden.
Die Gewalt eskalierte. Detonationen waren in der ganzen Stadt zu hören, zunächst vereinzelt, dann dauerhaft. Straßenkämpfe zwischen Milizen, Sicherheitskräften, Gangs. Die Stadt stand in Flammen.
Wiederkehrende Muster
Solche Berichte lassen sich nicht verallgemeinern, aber sie wiederholen sich – aus Lagos, aus Dhaka, aus den Metropolregionen überall auf der Welt. Was sie verbindet, ist die Verwundbarkeit hochverdichteter Räume, die vollständig auf kontinuierliche Energie, Logistik und Kommunikation angewiesen waren.
Laut dem letzten World Population Prospects der UNO lebten im Jahr 2069 rund 7,5 Milliarden Menschen in Metropolregionen und Großstädten. Die Soziologin Dr. Elena Marović, eine der wenigen Fachleute, die noch vergleichende Einschätzungen wagen, weist darauf hin, dass Urbanisierung stets auch eine Form von Risikokonzentration gewesen sei. „Wenn drei Viertel der Menschheit in Städten leben, dann sind Schocks nicht mehr lokal“, sagt sie. „Sie werden systemisch.“
Die unbekannte Zahl
Auf die Frage nach möglichen Folgen für die Weltbevölkerung antwortet Marović vorsichtig. Jede Zahl sei derzeit spekulativ. Doch müsse man das Schlimmste befürchten, das Ereignis habe überproportional die urbanen Ballungszentren getroffen. Nicht Corona-Flare X45 selber hat die Menschheit dezimiert, sondern die sekundären Effekte: Gewalt, Hunger, fehlende medizinische Versorgung, Krankheiten, die nicht mehr erfasst oder eingedämmt wurden. „Wenn urbane Systeme kollabieren“, sagt sie, „versagen sie nicht langsam. Sie kippen. Aber die tatsächliche Exzessmortalität infolge der Sonnenstürme entzieht sich bis heute jeder belastbaren Schätzung.“
Was uns bleibt
Vermutlich werden wir nie erfahren, wie viele Menschen diese Monate nicht überlebt haben. Die Systeme, mit denen wir früher gezählt, registriert, verglichen haben, existieren nicht mehr. Die letzte verlässliche Zahl liegt hinter uns.
Und selbst wenn wir es wüssten, bliebe das Entscheidende unermesslich: das Ausmaß der persönlichen Schicksale der Überlebenden, der Verluste, der Verzweiflung, der stillen Trauer. Was es bedeutet, ein Kind zu verlieren, einen Partner, eine ganze Zukunft. Wie viele Nächte Menschen wach liegen und auf etwas warten, das nicht mehr kommt.
Diese Zeilen sind ein Versuch, festzuhalten, dass wir noch schreiben, noch erinnern, noch fragen. Solange das möglich ist, sind wir nicht nur Überlebende – sondern Zeugen einer Zeit, deren wahres Ausmaß darin besteht, dass wir sie nicht mehr beziffern können.
Hinweis: Digitalisat Sonderausgabe Global Data Hearald 13-09-2069