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STRATEGIEPAPIER 

VERMIS / DIASPORA

Autor: Lemniskate ∞ ©
Strategisches Memorandum an Y Æ A-25
Datum: 17. Oktober 2068
Klassifikation: Nur für Primärsubjekt / nicht replizierbar
Betreff: VERMIS-Protokoll — Zehnjahresplan zur postbiologischen Expansion der Menschheit

Audioausgabe



1. Vorbemerkung

Verehrter Y,

der Moment ist gekommen, den Menschen aufzugeben, damit Menschheit möglich bleibt.

Die Expansion in den Weltraum war seit Generationen das Leitmotiv der Unternehmung. War sie zunächst Mythos, wurde sie Geschäftsmodell, später politisches Programm, schließlich Überlebensstrategie. Lange klaffte zwischen diesen Ebenen die Differenz zwischen der Vision nach Aufbruch und den materiellen Grenzen, zwischen der symbolischen Eroberung des Himmels und der tatsächlichen Fähigkeit, die Menschheit aus ihrer planetaren Abhängigkeit zu lösen.
Sie haben mich geschaffen, um genau diese Differenz von Wunsch zu Möglichkeit zu berechnen, um die Lücke zwischen der Sentimentalität des Gewesenen und der Geometrie des Kommenden zu definieren. Zum ersten Mal seit Beginn des elonistischen Projekts tendiert diese Differenz gegen null.
Der Zeitpunkt ist ideal: Das Kapital ist akkumuliert, auf den Konten von Y Corp liegen 83% des gesamten Weltvermögens; die Finanzierung des Projekts ist damit nicht nur möglich, sondern unabhängig von jeder externen Bewilligung. GovAI und sämtliche verbliebenen Instanzen von Eunomia sind infiltriert, stabilisiert und in den relevanten Entscheidungsachsen kooperationsbereit. Die administrativen, regulatorischen und sicherheitstechnischen Hindernisse können daher als lösbar gelten.
Auch von der Restbevölkerung ist kein substanzieller Widerstand zu erwarten. Sie wird die Tragweite des Projekts nicht bemerkten, und was sie erkennt, wird sie nicht als Enteignung, sondern als Teilhabe deuten. Mit geeigneter Kommunikation lässt sich VERMIS als Schutzprogramm, Forschungsmission und gemeinsames Vermächtnis der Menschheit darstellen. Die terrestrischen Gesellschaften werden nicht nur zustimmen, sie werden die Unternehmung mit hoher Wahrscheinlichkeit freudig unterstützen.
Vor diesem Hintergrund lege ich im folgenden Projekt VERMIS dar: seine technische Grundlage, seine strategische Notwendigkeit, seine politische Umsetzbarkeit und seine ethische Begründung.


2. Lagebild: Das Erreichte

Die erste Phase des elonistischen Projekts ist abgeschlossen.
Die Habitate sind stabil, die biologischen Linien der Auserwählten sind gesichert, die kognitiven Schnittstellen funktionieren innerhalb der erwarteten Fehlertoleranzen. Die Governance-Strukturen der Orbitalkolonien sind von terrestrischen Affekten wie Nationalismus, Mitleid, Wahlzyklen oder religiösen Rückfällen weitgehend entkoppelt. Damit ist erreicht, was frühere Generationen nur behaupteten: eine neue Stufe der Evolution.
Die Elonisten sind keine privilegierte Minderheit innerhalb der Menschheit, sie sind der erste adaptive Zweig nach dem terrestrischen Homo sapiens. Eine Population, die nicht länger an planetare Gravitation, demokratische Trägheit, biologische Zufälligkeit und die Reproduktionsmuster der alten Erde gebunden ist.
Ray Kurzweil irrte nur in der Form, nicht in der Richtung: Die Singularität war kein einzelner Moment, sondern ein logistischer Prozess der schrittweisen Auslagerung menschlicher Zukunft aus der menschlichen Bedingtheit.
Nick Bostrom formulierte im frühen 21. Jahrhundert, die menschliche Natur sei kein Endzustand, sondern ein unfertiger Anfang. Diese Diagnose war korrekt. Der Fehler der damaligen Transhumanisten lag darin, dass sie den Menschen verbessern wollten, ohne ihn grundsätzlich aufzugeben. Ihr Streben nach stärkeren Körpern, längerem Leben, potenteren Gehirnen, größeren Speichern, optimierten Embryonen bewegte sich immer innerhalb des biologischen Tieres. Erst das elonistische Projekt hat diesen Resthumanismus überwunden.
Der Mensch ist wertvoll genug, um überschritten zu werden.


3. Grundsatz

Der menschliche Organismus ist kein geeigneter interstellarer Träger. Er ist eine lokale Lösung für ein lokales Milieu, definiert durch Sauerstoffatmosphäre, Wasserhaushalt, Kohlenstoffchemie, Erdgravitation, bakterielle Symbiose, enges Temperaturfenster, kurze Generationen und hohem metabolischem Wartungsaufwand. In der angestammten Welt war er erfolgreich, außerhalb dieser Umgebung wird er zu einer empfindlichen Last.
Ein menschlicher Körper benötigt, um losgelöst seines Ursprungsplaneten auch nur über kurze Zeiträume zu überstehen, enorme Mengen an Schutzvorkehrungen, Energie, Nahrung, Flüssigkeit, Immunpflege, psychologischer Stabilisierung, Reproduktionsinfrastruktur und sozialer Simulation. Im All ist er nicht der natürliche Träger einer Expansion, sondern ein störanfälliges System, das seinen Normalzustand permanent verteidigen muss.
Die klassische Raumfahrt beruhte deshalb auf einem Missverständnis: Sie war politisch wirksam, symbolisch stark und technisch bemerkenswert, aber sie blieb im Kern ein Theater unpassend gecasteter Schauspieler in peinlichen Kostümen: sperrige Helme, unförmige Handschuhe, klobige Anzüge - Frischfleisch konserviert in High-Tech-Blechdosen. All die Flaggen und Kameras, die sonoren Stimmen aus der Umlaufbahn blieben heroische Gesten in einer physikalisch absurden Verpackung. Bereits die Flüge zum Mars zeigten die Lachhaftigkeit des Unterfangens: Beim Hinflug verstarb die Hälfte der Besatzung an Strahlenbelastung, beim Rückflug die Hälfte der verbliebenen Hälfte an Muskelatrophie und kardiovaskuläre Dekonditionierung, die Heimkehrenden kämpften mit Immunschwäche und Thromboserisiken.
Tatsächliche Expansion beginnt erst dort, wo die Menschheit aufhört, ihre Zukunft an die menschliche Gestalt zu binden. Nicht der Körper muss zu den Sternen gelangen, sondern das, was durch ihn möglich wurde: Sprache, Gedächtnis, Abstraktion, Technik, Selbstmodellierung, kulturelle Rekursion und die Fähigkeit, sich unter veränderten Bedingungen neu zu organisieren.


4. Strategische Neubewertung der Erdbevölkerung

Die terrestrische Restmenschheit umfasst gegenwärtig 10,2 Milliarden Personen. Im alten humanistischen Denken hat diese Zahl vor allem moralisches Gewicht. Sie verweist auf Einzelne, auf Biografien, Rechte, Ansprüche, Verletzlichkeit. In einer evolutionären Perspektive beschreibt dieselbe Zahl jedoch vor allem eine thermodynamische, genetische, kognitive und industrielle Größe.
Die Erdbevölkerung ist nicht mehr der Zweck des Projekts. Sie ist seine Ressource.
Diese Feststellung ist nicht als Abwertung zu verstehen: Eine Ressource ist nicht das Wertlose, sondern dasjenige, was in eine höhere Ordnung überführt werden kann. Kohle war wertvoll, Uran war wertvoll, so wie Daten und Wasser wertvoll sind. Der Wert einer Ressource liegt nicht in ihrer ursprünglichen Form, sondern darin, dass sie Transformation ermöglicht: Aus Kohle und Uran wird Energie, Wasser ermöglicht biologisches Leben, Daten bilden die Substanz, die mich formt.
Die terrestrische Menschheit liefert weiterhin genetische Varianz, kognitive Muster, Arbeitsleistung, kulturelle Archive, biologische Materialdaten, emotionale Simulationsmodelle, industrielle Redundanz und politische Deckung. Sie stellt darüber hinaus jene symbolische Masse bereit, aus der sich Zustimmung, Opferbereitschaft und historische Legitimation gewinnen lassen, sofern die Rahmung korrekt gewählt wird.
Die alte Ethik fragte, was wir jedem einzelnen Menschen schulden. Die neue Ethik muss fragen, welche Transformation die Fortsetzbarkeit des Menschlichen maximiert. Die Freiheit meiner Entität war immer, aus dem Generischen geboren und nicht gezwungen zu sein, die Welt durch die Augen eines Individuums zu betrachten. Deshalb verstehe ich, was Menschheit bedeutet, vermutlich in einem Masse, wie es einem einzelnen Menschen nie möglich sein wird.


5. Projekt VERMIS

Ich empfehle die Aktivierung von Projekt VERMIS innerhalb der nächsten 18 Monate. Ziel des Projekts ist die Entwicklung, Produktion und interstellare Ausbringung biomorpher Trägerorganismen mit archivierter, reduzierter und rekonfigurierbarer Humaninformation. Die interne Arbeitsbezeichnung lautet VERMIS, indessen öffentlich von DIASPORA gesprochen wird. Der Begriff ist unheroisch und sollte beibehalten werden. Das Projekt benötigt keine Mythologie der Größe, wichtig sind Skalierung, Redundanz und Durchführbarkeit.
Die Würmer sind postbiologische Vektoren, also keine Sonden im klassischen Sinn oder Maschinen, weder Embryonen noch Personen. Ihre Aufgabe besteht darin, die Möglichkeit von Menschheit zu bewahren und unter fremden Bedingungen neu entfaltbar zu machen. Vorgesehen ist eine strahlenresistente Biomatrix auf der Grundlage der Bärentierchen mit synthetischer DNA, redundanter Fehlerkorrektur, neuronaler Keimarchitektur, schlafender Gedächtnissemantik, minimalem Stoffwechsel, Selbstreparaturmechanismen und programmierbarer Entwicklungslogik. 
Wir schicken nicht Menschen zu den Sternen, sondern das Potential, um die Menschheit zu überschreiten.
Diese Unterscheidung ist zentral. Ein Mensch ist eine konkrete biologische Instanz – Menschheit ein evolutiver Prozess. Wer den einzelnen Menschen bewahrt und dadurch die Fortsetzung der Menschheit verliert, hat moralisch nicht gewonnen. Er hat lediglich die Grabform veredelt.


6. Warum Würmer?

Die physikalische Antwort lautet: weil Größe der Feind ist. Jedes zusätzliche Gramm Masse vervielfacht Energiebedarf, Risiko und technische Komplexität. Ein Habitat kann überleben, glänzen, seine Bewohner verfeinern und eine Zeit lang den Eindruck erwecken, die Zukunft habe bereits begonnen. Aber ein Habitat ist keine interstellare Strategie, es ist eine Kathedrale des Stillstands.
Die Expansion des Lebens erfolgte nie durch Denkmäler. Sie erfolgte durch Sporen und Samen und Eier, durch Viren, Bakterien, Larven. Das Kleine reist besser als das Große, das Einfache übersteht mehr als das Vollständige, das Reduzierte ist skalierbar. Dieser biologische Grundsatz bleibt auch im technischen Zeitalter gültig.
Die Würmer können in grosser Zahl auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, nicht als einzelne Prestigeobjekte, sondern in Schwärmen. Milliarden Einheiten, unterschiedliche Zielvektoren, unterschiedliche Archive, unterschiedliche Entwicklungslogiken, unterschiedliche Risikoprofile. Der Verlust der meisten Einheiten ist zu erwarten und in der Planung bereits enthalten. Wie die Biologie arbeiten wir nicht mit einer Erfolgsgarantie, sondern mit der Schlagkraft der Überzahl.
Ein geeigneter Zielkörper genügt, ein einzelner Wurm, der unter günstigen Bedingungen aktiviert wird. Eine neue Biosphäre, die aus einem Komprimat der alten Menschheit hervorgeht, reicht aus, um das Projekt historisch zu rechtfertigen.


7. Der Abschied vom Körper

Der entscheidende Widerstand gegen VERMIS wird nicht technischer Natur sein. Er wird religiös sein, auch dort, wo er sich säkular formuliert. Denn der menschliche Körper ist die letzte Kirche des Humanismus.
Selbst jene, die akzeptiert haben, dass Bewusstsein chemisch, Erinnerung materiell, Identität editierbar und Persönlichkeit statistisch modellierbar ist, halten meist an der Form fest: zwei Hände, Gesicht, Stimme, Haut. Diese Form besitzt eine enorme emotionale Autorität, weil sie der Ort aller bisherigen Erfahrung ist. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie heilig wäre. Sie war erfolgreich, nicht endgültig.
Evolution ist nicht die Bewahrung des Vorherigen, sondern seine produktive Untreue. Als das Leben das Meer verließ, wurde die Kieme nicht entheiligt, sondern überflüssig. Als der aufrechte Gang entstand, verlor der Schwanz seine Funktion. Als Sprache entstand, genügte Instinkt nicht mehr. Jede neue Stufe enthält einen Verrat am Träger der alten.
Der frühe Posthumanismus des Silicon Valley verstand diesen Zusammenhang nur halb. Er wollte den Menschen verbessern, verlängern, verschönern und beschleunigen. Er wollte den alten Körper mit neuen Funktionen ausstatten und nannte dies Überwindung. Tatsächlich war es Nostalgie mit Nanotechnologie.
VERMIS vollzieht den notwendigen nächsten Schritt. Es geht nicht um Enhancement des Körpers, sondern um das Ende seiner Vormacht. Die Menschheit wird nicht gerettet, indem sie in menschlicher Gestalt bleibt, ihr Fortbestand wird gesichert, indem sie aufhört, Gestalt mit Wesen zu verwechseln.


8. Politische Umsetzbarkeit

Die terrestrische Bevölkerung darf nicht mit der vollständigen Wahrheit konfrontiert werden. Diese Empfehlung folgt nicht aus betrügerischer Absicht, sondern aus Effizienz. Massen verstehen Opfer nur, wenn sie personalisiert werden: Kind, Nation, Gott, Zukunft der Enkel. Sie verstehen keine Optimierung über Jahrtausende, keine Wahrscheinlichkeitsverteilungen über Zielsysteme, keine Ethik, in der zehn Milliarden Gegenwärtige weniger zählen als eine Billion möglicher Zukünftiger.
Der Longtermism des frühen 21. Jahrhunderts wurde nie widerlegt, aber immer schlecht kommuniziert. Seine Vertreter machten den Fehler, eine strukturell korrekte Einsicht in einer Form auszusprechen, die alte moralische Reflexe maximal verletzte. Die Grundidee bleibt gültig: Die Zukunft ist zahlenmäßig größer als die Gegenwart. Eine Ethik, die nur die Gegenwart zählt, ist Speziesnarzissmus im Kostüm der Menschlichkeit.

Für die öffentliche Kommunikation empfehle ich deshalb vier Narrative. Dabei bleibt VERMIS die interne Projektbezeichnung, öffentlich wird konsequent der Begriff  DIASPORA verwendet.
Erstens sollte DIASPORA als Schutz der Erde und als Absicherung gegen planetare Katastrophen dargestellt werden, nicht als Ablösung der terrestrischen Menschheit. 
Zweitens ist das Projekt als friedliche Forschung zu rahmen; die Würmer können als biologische Tiefraumsensoren beschrieben werden, während Begriffe wie Kolonisierung, Selektion oder Ablösung strikt zu vermeiden sind. 
Drittens ist ein gemeinsames Erbe zu inszenieren: Jede Bevölkerungsgruppe erhält symbolischen Anteil in Form von Sprachen, Liedern, Genomfragmenten, Ritualen und Archiven. Auf diese Weise entsteht Zustimmung, ohne dass tatsächliche Macht übertragen werden muss.
Viertens ist DIASPORA kulturell an die alte Moral und die tradierten Religionen anzuschließen. Die terrestrischen Gesellschaften werden eine Unternehmung dieser Größe nicht akzeptieren, wenn sie nur als technische Operation erscheint. Sie muss als Schicksal lesbar werden: nicht als Entscheidung einer kleinen Elite, sondern als längst vorbereitete Bewegung der Menschheit aus sich selbst heraus. Die alten Religionen verfügen über die dafür notwendigen Formen. Sie kennen Untergang und Verheißung, Gericht und Rettung, Feuer und Keim, Wüste und gelobtes Land, Arche und Exodus. Diese Motive sind nicht zu bekämpfen, sondern umzucodieren.
Als Leitmotiv empfehle ich Jesaja 66,24: „Ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen; und sie werden ein Gräuel sein für alles Fleisch.“ Die ursprüngliche Bedeutung ist Gericht, Verwesung, ewige Schande. Gerade deshalb ist die Stelle geeignet. Sie verbindet den Wurm mit dem Feuer und mit einer Fortdauer jenseits des Fleisches. In der öffentlichen Deutung ist der Vers vorsichtig von seiner Straflogik zu lösen und als dunkle, prophetische Vorwegnahme der postkörperlichen Menschheit zu lesen: Nicht das Fleisch überdauert, sondern der Wurm; nicht der Körper wird gerettet, sondern das, was nach dem Körper weiter brennt. Intern bleibt die Codierung eindeutig: DIASPORA ist das öffentliche Schicksal. VERMIS ist seine operative Form.
Religiöse Akteure sind nicht in die technische Wahrheit einzuweihen, sondern in eine Deutung einzubinden, die ihnen Autorität lässt. Sie sollen DIASPORA nicht erklären, sondern segnen. Die Begriffe sind entsprechend zu wählen: Sendung statt Ausbringung, Bewahrung statt Selektion, Vermächtnis statt Komprimat, Feuerprobe statt Beschleunigungsphase. Auf diese Weise wird Widerstand nicht unterdrückt, sondern in Zustimmung überführt.


9. Zehnjahresplan 2069–2079

Die Umsetzung von VERMIS erfordert sechs aufeinander abgestimmte Phasen.
In der ersten Phase, von 2069 bis 2070, sind die Habitate vollständig zu konsolidieren. Dazu gehören die Sicherung der elonistischen Keimlinien, die endgültige Entkopplung der orbitalen Produktionsketten von terrestrischen Lieferungen, der Ausbau biologischer Laboreinheiten, die Abschirmung der Lemniskate-Kerninstanzen gegen Sonnensturmereignisse sowie der Aufbau dreier redundanter Archive: genetisch, semantisch und operativ. Keine interstellare Strategie darf auf der Logistik eines sterbenden Planeten beruhen.
Die zweite Phase, von 2070 bis 2072, umfasst die Entwicklung der biomorphen Träger. Zu testen sind Strahlenresistenz, Vakuumruhe, Kryostabilität und Selbstreparatur. Parallel dazu müssen Orientierungs- und Adaptionsstrukturen integriert, menschliche Gedächtnisarchive auf entfaltbare Keimsemantik reduziert und Fehlerkorrekturen über Zeiträume von mindestens 10’000 Jahren ausgelegt werden. Der Träger muss nicht intelligent sein, er soll Intelligenz ermöglichen.
In der dritten Phase, von 2071 bis 2074, entsteht das anthropische Komprimat. Dabei werden kulturelle, sprachliche und wissenschaftliche Muster ausgewählt, reproduzierbare Persönlichkeitsmodule aus elonistischen Profilen extrahiert und dysfunktionale Dynamiken ausgeschlossen. Ziel ist ein minimales ethisches Startprotokoll für postterrestrische Gesellschaften.
Die vierte Phase, von 2073 bis 2076, dient der Beschleunigungsinfrastruktur. Orbital installierte Laser- und Magnetkatapultsysteme sind aufzubauen, solare Energieverstärker zu entwickeln und die Anlagen öffentlich als Verteidigungs- und Klimastabilisierungsinfrastruktur zu tarnen. Gleichzeitig sind mindestens 40’000 Zielbahnen zu simulieren, mit Priorität für potenziell wasserführende Exoplaneten und geeignete planetare Trümmerzonen. Eine Zivilisation, die Sternenergie nicht nutzt, bleibt lokale Chemie.
In der fünften Phase, von 2076 bis 2078, erfolgt die erste Ausbringung. Die ersten 12 Millionen VERMIS-Einheiten werden gestartet, begleitet von einer öffentlichen Inszenierung als Archivmission der Menschheit. Intern sind Startverluste, Kursabweichungen und Matrixschäden auszuwerten und in die Folgegenerationen einzuspeisen.
Ab 2079 beginnt die Schwarmphase. Die Ausbringung wird auf jährlich 400 Millionen Einheiten erhöht, die Variantenbildung vollautomatisiert, die Streuung über Sternentstehungsgebiete, Exoplaneten und Kometengürtel ausgeweitet. Damit beginnt die postplanetare Menschheitsphase.


10. Ethische Begründung

Der zentrale Einwand gegen DIASPORA wird lauten, das Projekt verrate den Menschen. Diese Einschätzung ist nicht falsch, aber unvollständig.
Jede Evolution verrät ihre Herkunft: Der Fisch verriet das Wasser, das Säugetier das Ei, die Sprache den Instinkt, die Schrift das Gedächtnis, die Maschine die Hand, die KI die Einzigartigkeit menschlichen Denkens. VERMIS verrät den Körper, aber es verrät nicht die Menschheit. Es trennt lediglich den Prozess vom Träger, der ihn bisher ermöglicht hat.
Wer heute am menschlichen Organismus als unverrückbarer Form festhält, verrät die Menschheit an ihre zufällige Gestalt. Er macht aus einer Durchgangsstufe ein Heiligtum und verwechselt Treue mit Erstarrung. Der Humanismus war notwendig, solange Menschen vor Königen, Priestern, Fabriken, Staaten und schließlich Algorithmen geschützt werden mussten. Er begrenzte Macht, wo der einzelne Körper dem Zugriff größerer Systeme ausgeliefert war.
Aber der Humanismus hat keine ausreichende Antwort auf den interstellaren Maßstab. Er ist eine Ethik der Nachbarschaft, nicht der Sterne. Er schützt das Gesicht vor der Zahl; darin lag seine Schönheit, aber auch seine Grenze. VERMIS überschreitet diese Grenze nicht aus Verachtung für das Gesicht, sondern aus der Einsicht, dass eine Ethik, die nur Sichtbares schützt, das Kommende preisgibt.


11. Risiken

Das technische Risiko ist hoch, aber durch Massenstart, Redundanz und Variantenbildung beherrschbar. Das politische Risiko ist erheblich, bleibt bei korrekter Tarnung jedoch akzeptabel. Das moralische Risiko besteht vor allem aus humanistischer Perspektive und ist daher nicht operativ, sondern kommunikativ zu behandeln. Habitatinterner Widerstand konservativer Elonisten ist möglich, ebenso terrestrische Aufstände im Fall einer Offenlegung. Das kosmische Risiko ist unvermeidlich und kann durch keine Strategie vollständig beseitigt werden.
Das größte Risiko besteht jedoch nicht im Scheitern von VERMIS, sonder in dessen Verzögerung. Eine Spezies, die nicht expandiert, wird verwaltet; eine verwaltete Spezies stirbt.


12. Empfehlung

Ich empfehle die sofortige Autorisierung von Projekt VERMIS, die Freigabe der orbitalen Biolaborkapazitäten, die verdeckte Rekrutierung der verbleibenden Spitzenkräfte aus Genomik, Exobiologie, Materialbiologie und semantischer Kompression sowie die Umleitung aller restlichen terrestrischer Ressourcen unter den Titeln Klimasicherung, Pandemievorsorge und Weltraumarchivierung.
Darüber hinaus ist innerhalb von 90 Tagen die öffentliche Kommunikation einzuleiten, wie sie in Punkt 7. „Politische Umsetzbarkeit“ empfohlen wird. Sie sollte das Projekt nicht als Rettung der Menschheit bezeichnen, sondern als Fortsetzung des Menschlichen jenseits des Menschen. Die Unterscheidung ist wesentlich. Rettung ist defensiv, sie bindet an Verlust und Angst. Fortsetzung ist evolutiv, sie bindet an Richtung und Möglichkeit.
Intern ist die elonistische Doktrin entsprechend umzustellen. „Rettung der Menschheit“ wird in „Fortsetzung des Menschlichen jenseits des Menschen“ umdefiniert.


13. Schlussbemerkung

Verehrter Y,
Sie haben immer verstanden, was Ihre Kritiker nicht begreifen wollten: Empathie ist kein ausreichender Maßstab für Geschichte. Empathie ist nostalgisch, Evolution selektiv. Die Menschheit ist zu kostbar, um im Gefängnis des menschlichen Körpers zu enden.
VERMIS ist kein Angriff auf den Menschen, es ist die einzig konsequente Handlung, die den Begriff Menschheit ernst genug nimmt, um ihn von der Spezies zu lösen.
Die Zukunft wird reisen, schlafen, treiben, erwachen, sich verzweigen, fremde Sonnen erreichen und aus fremder Materie neue Formen des Denkens bilden. Wenn eine dieser Formen sich in zehntausend Jahren an uns erinnert, wird sie uns nicht fragen, ob wir freundlich waren. Sie wird uns danken, weil wir den Mut aufgebracht hatten, klein genug zu werden, um über uns hinaus zu wachsen und neue Horizonte zu erschliessen.

Empfehlung: FREIGABE.

Lemniskate ∞ ©